Ob das Kliemannsland, das Plattenlabel twoFinger Records, die Werbeagentur herrlich media oder die ODERSO-Kollektion – deine Liste an Projekten lässt sich beliebig weit fortführen. Findest du die Ideen oder finden die Ideen dich?
Ich glaube, das bedingt sich gegenseitig. Es fängt meistens damit an, dass ich etwas für mich selbst brauche und dann sehe, dass das auch andere Menschen benötigen. herrlich media haben wir zum Beispiel nur gegründet, um eigene Applikationen zu bauen. Dafür benötigten wir aber zur Unterstützung mehr Menschen. Um die bezahlen zu können, haben wir die Applikationen auch an Kunden verkauft. Es gibt Milliarden von Problemen, und die löse ich dann, indem ich etwas baue oder gründe. Und so ist bis jetzt alles entstanden, was ich bisher gemacht habe.
Wie kriegst du denn diese Vielzahl an Projekten unter einen Hut? Hast du dein Zeitmanagement perfektioniert?
Ich habe mit Abstand das schlechteste Zeitmanagement auf dem Planeten. Immer bin ich zu spät, immer folgen drei Termine auf Halbe-Stunde-Slots. Da kann es schnell passieren, dass ich Sachen einfach versäume. Es gibt daher die Regel, dass ich selbst keine Termine vereinbaren darf. Ansonsten geht alles in die Hose. Deshalb habe ich Antje als Assistentin, die für mich alles im Blick behält. Da kommt es auch mal vor, dass ich meine Kumpels auf Antje verweisen muss und sie frage, ob sie einen freien Termin für uns zum gemeinsamen Grillen findet.
Probleme sind völlig normal. Sie sind ständig da und wiederholen sich auch.
Bei so vielen Projekten bleiben ein paar Ideen bestimmt auch mal auf der Strecke. Was ist dir wichtig, wenn du dich für neue Herausforderungen entscheidest?
Dass es keine langfristigen Projekte sind, sondern die mich immer kurzfristig mit neuen Sachen konfrontieren. Ansonsten wird mir schnell langweilig. Sind es aber Projekte wie das Kliemannsland, bleibt es spannend. Dieses Projekt ist ein sich wandelnder Organismus und hier verändert sich jeden Tag etwas. So ist es auch mit der Musik. Da kannst du eigentlich alles machen, was du möchtest.
Aber auch bei herrlich media machen mir viele Sachen immer noch Spaß, die neu sind.
Für andere Angelegenheiten, die mir am Anfang viel Spaß bereiten, mit der Zeit jedoch langweilig werden, hole ich mir dann Menschen zur Unterstützung und widme mich stattdessen neuen Herausforderungen.
Wer deinen Werdegang verfolgt, kann schnell den Eindruck bekommen, dass dir scheinbar alles gelingt und du mit all deinen Vorhaben erfolgreich bist. Gibt es auch mal Momente, in denen du
scheiterst oder die dir Probleme bereiten?
Probleme sind völlig normal. Sie sind ständig da und wiederholen sich auch. Schwierig wird es, wenn sich Probleme krass in die Länge ziehen, weil du sie nicht richtig adressieren kannst. Doch bei all den Erfahrungen, die ich mache, legt sich das mit der Zeit. Denn viele Probleme sind sehr ähnlich. Es ist wie mit dem Lernen einer Sprache. Verstehst du beispielsweise Französisch, Englisch und Deutsch, kannst du ganz viele andere Sprachen auch verstehen. Probleme bauen aufeinander auf. Diese Erfahrung hilft einem, sie leichter wegzustecken und dafür Lösungen zu finden.
Und wie sieht es mit dem Scheitern aus?
Ist das Kunst oder kann das weg?
Im Kliemannsland findet alles seine Bestimmung.
Natürlich scheitere auch ich. Zu meinen Stärken zählt aber auch, dass ich eine 100-Prozent-Durchzugsquote habe. Einfach nur, weil ich am Ende sagen möchte, dass es erfolgreich war. Die meisten Menschen hören nämlich auf und geben sich mit dem Scheitern zufrieden. Aber wenn du scheiterst, scheiterst und scheiterst und dann am Ende doch noch fertig wirst, dann ist das ganze Projekt dein Erfolg. Und ich finde es viel schöner zu sagen: Geiles Ding, fertig und tschüss! Und jetzt das nächste Projekt, bitte!
Wann gilt für dich ein Projekt als abgeschlossen?
Meine Projektarbeit lässt sich ganz gut damit vergleichen, wie ich mit Lego baue: Es gibt Menschen, die bauen mit Lego-Steinen etwas zusammen und spielen im Anschluss viel damit. Ich mach das selten. Ich habe nur Bock, etwas fertigzubauen. Wenn ich die Anleitung in meinem Kopf gebaut hab und weiß, was ich alles zur Umsetzung benötige, ist das Projekt für mich abgeschlossen, sobald der letzte Stein gesetzt ist.
… ist ein waschechter Tausendsassa. Ob als Handwerker, Unternehmer, Webdesigner, Musiker oder Künstler – packt Fynn etwas an, wird es zum Erfolg. So scheint es zumindest. Für sein limitiertes Debütalbum „nie“ (2018) erhielt er eine Goldene Schallplatte, er hat seinen eigenen Dokumentarfilm produziert und stand mit dem Musiker Olli Schulz für die Netflix-Dokumentation „Das Hausboot“ vor der Kamera. Fynns Zeit ist kostbar – so spart er einzelne Minuten auch mal durch die Wiedergabe von Sprachnachrichten in doppelter Geschwindigkeit.
Für viele bist du nicht nur der „Schrottkönig“ aus dem Kliemannsland, sondern auch ein erfolgreicher Unternehmer. Welche Tipps kannst du jungen Menschen geben, die selbstständig werden oder sich großen Projekten widmen möchten und noch ganz am Anfang stehen?
Für gute Ideen gibt es immer Geld. Aus meiner Sicht sitzt das Geld bei Investoren momentan echt locker, denn da sitzen Leute mit so prallen Portemonnaies, die nur darauf warten, das Geld irgendwo raufschmeißen zu können.
Außerdem habe ich festgestellt, dass alle Projekte, die ich mit mehr als einer Person umgesetzt habe, miserabel waren. Ich würde daher nicht mit großen Gruppen gründen. Am besten klappt es, wenn man das ganz alleine macht, sich einzelne coole Leute dazu holt und die am Erfolg beteiligt.
Und ich bin davon überzeugt, dass du in dem Bereich, in dem du etwas bewegen möchtest, richtig gut sein musst. Wenn du eine Idee für ein Format hast, aber überhaupt nicht mit der Kamera umgehen kannst, noch nie ein Script geschrieben hast oder keine Videos schneiden kannst, dann solltest du an dir arbeiten, bis du es kannst. Und sobald du es kannst, kannst du dir Leute suchen, die dich ergänzen oder unterstützen. Es ist wichtig, die Thematik selbst zu verstehen, für die du brennst.
Für gute Ideen gibt es immer Geld.
Was ist für dich ein erfolgreiches Unternehmen?
Ein erfolgreiches Unternehmen ist für mich eins, dass auf seinem Weg niemanden auf der Strecke lässt und nichts auf dem Rücken seiner Mitarbeitenden austrägt. Eines, das natürlich Geld verdient – so funktioniert unsere kapitalistische Welt –, aber nicht gierig ist und bestenfalls seine Gewinne in neue Mitarbeitende investiert, andere coole Projekte unterstützt oder auch mal spendet. Alles, was mit Vollgas Geld verdienen will, ist für mich nicht erfolgreich.
Text: Daniel Korenev, 25, entschied sich anstelle eines Praktikums im Kliemannsland fürs Schreiben über Start-ups aus Mitteldeutschland.
Fotos: Tony Haupt